Das aktuelle Reaktivierungsprogramm des Landes Niedersachsen (Reaktivierungsuntersuchung 2023)
Neben dem Ausbau der vorhandenen Strecken zur Attraktivitätssteigerung des SPNV für Fahrgäste treibt die LNVG auch mit Streckenreaktivierungen die Mobilitätswende voran. Veränderte Rahmenbedingungen, wie verbesserte Förderbedingungen für Investitionen bei Streckenreaktivierungen mit GVFG-Mitteln des Bundes im Jahr 2020 und eine weiterentwickelte Verfahrensanleitung für die Standardisierte Bewertung im Sommer 2022, bieten eine gute Ausgangslage für die neue Reaktivierungsuntersuchung. Die LNVG unterstützt das im Koalitionsvertrag 2022 der niedersächsischen Landesregierung festgehaltene Ziel, die Chancen der Reaktivierung von stillgelegten Bahnstrecken zu nutzen und hat dafür im Frühjahr 2023 in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung ein Reaktivierungsprogramm enwickelt, das eine 4-stufige Untersuchung vorsieht.
Grundsätzlicher Ablauf des Reaktivierungsprogramms
In Stufe 1 wurde zunächst auf Basis der Ergebnisse einer früheren landesweiten Reaktivierungsuntersuchung sowie im Zuge eines Ideenaufrufs an Kommunen und Gemeinden eine Vorauswahl von in Frage kommenden Strecken durchgeführt. Hier wurden insgesamt 51 Strecken bzw. Streckenabschnitte in Niedersachsen anhand von mit Politik und Verbänden abgestimmten Kriterien (wie zum Beispiel Fahrgastpotenziale, Investitionsbedarf, Verkehrsströme etc.) hinsichtlich ihres möglichen Potenzials für den SPNV bewertet.
Im Ergebnis der Stufe 1 wurde insgesamt 21 potenzielle Strecken ausgewählt, die einer genaueren Betrachtung unterzogen wurden. Dazu ist in der Stufe 2 unserer Reaktivierungsuntersuchung eine gesamtwirtschaftliche Nutzwertanalyse für die jeweiligen potenziellen Reaktivierungsstrecken erstellt worden, die auf dem Verfahren und den Methoden der Standardisierten Bewertung beruht. Die Standardisierte Bewertung ist ein Verfahren zur gesamtwirtschaftlichen Nutzen-Kosten-Untersuchung von ÖPNV-Projekten in Deutschland.
Das Ergebnis von Stufe 2 wurde im März 2025 veröffentlicht (6. Lenkungskreis am 20.03.2025). Dabei weisen sechs Bahnstrecken einen positiven Nutzen-Kosten-Index auf. Ein positives Zwischenergebnis bedeutet, dass die jeweilige Strecke gute Aussichten auf eine spätere Investitionsförderung durch den Bund nach dem GVFG (Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz) aufweist (Förderung bis zu 90 % der zuwendungsfähigen Kosten, weitere je 5 % durch das Land und den Vorhabenträger). Für eine Reaktivierung der Strecke muss allerdings auch der mehrjährige Betrieb finanziell abgesichert sein (SPNV-Betriebszeitraum von mindestens 20 Jahren).
Die Klärung der Betriebskosten-Übernahme und die Herstellung der Antragsreife nach dem GVFG (inklusive vollständiger Standardisierter Bewertung) sind Gegenstand der verbleibenden beiden Stufen des Reaktivierungsprogramms (Stufe 3 und 4). In Stufe 3 werden für die positiv bewerteten Strecken die langfristig anfallenden Betriebskosten ermittelt, um den Finanzbedarf für den Betrieb der Strecke zu ermitteln. Für die aussichtsreichsten Strecken wird in Stufe 4 schließlich in die konkrete Planung eingestiegen und ein Förderantrag nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) vorbereitet.
Entscheidend für den Erfolg der SPNV-Reaktivierung ist neben der finanziellen Absicherung die Unterstützung von kommunaler Seite sowie der lokalen Öffentlichkeit. Außerdem ist das Vorhandensein eines geeigneten Eisenbahninfrastrukturunternehmens elementar, welches die Planungen für eine Reaktivierung der Strecke aufnimmt (z. B. hinsichtlich Infrastrukturanpassungen, Ertüchtigung der vorhandenen Strecke, notwendiger Neubau von Infrastruktur) und anschließend die Infrastruktur betreibt.
Einzelne Strecken bereits vorab für Reaktivierung qualifiziert
Einzelne Strecken haben sich bereits vor dem Start des aktuellen Reaktivierungsprogramms für eine Wiederinbetriebnahme qualifiziert. Die Planungen für diese Strecken werden parallel zum laufenden Programm vorangetrieben.
Dazu zählen folgende SPNV-Strecken in Niedersachsen:
- Neuenhaus – Coevorden (RB 56)
- Lüneburg – Soltau (RB 39)
- Bremervörde – Stade (RB 34)
- Buchholz (Nordheide) – Jesteburg – Maschen – Hamburg-Harburg (RB 38)
Mit der SPNV-Reaktivierung des Streckenabschnitts von Neuenhaus nach Coevorden (NL) erfolgt ein grenzüberschreitender Lückenschluss auf der Bahnstrecke von Bad Bentheim bis Coevorden. Nach Unterzeichnung des Verkehrsvertrags im Oktober 2025 erfolgen die erforderlichen Bauarbeiten für die Streckenreaktivierung, sowohl auf deutscher als auch auf niederländischer Seite. Die Betriebsaufnahme ist für Dezember 2026 geplant.
Die Strecke Lüneburg – Soltau schließt eine Lücke im niedersächsischen SPNV-Netz und verbindet zwei wichtige Bahn-Knotenpunkte. Das zuständige Eisenbahninfrastrukturunternehmen führt aktuell die notwendige Streckenplanung durch und schließt die Standardisierte Bewertung zeitnah ab. Die nächsten Schritte sind die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens, die Beantragung der GVFG-Fördermittel sowie Klärung der Betriebskosten-Finanzierung. Eine Betriebsaufnahme ist für 2028/2029 geplant.
Für die Reaktivierungsstrecke Bremervörde – Stade hat das zuständige Eisenbahninfrastrukturunternehmen mit der konkreten Streckenplanung begonnen. Die nächsten Schritte sind die Durchführung einer Standardisierten Bewertung sowie die Antragstellung für die GVFG-Bundesförderung sowie die Klärung der Betriebskosten-Übernahme. Eine SPNV-Betriebsaufnahme ist für 2028/2029 geplant.
Die SPNV-Reaktivierung der Bahnstrecke Buchholz (Nordheide) – Jesteburg – Maschen – Hamburg-Harburg ist weiterhin geplant und wird durch die LNVG weiterverfolgt. Neben dem Bau der beiden neuen Stationen in Jesteburg und Ramelsloh sind noch weitere, umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen erforderlich, um den Verkehr aufnehmen zu können. Dazu zählt insbesondere die Herstellung eines Überwerfungsbauwerks im Bereich Meckelfeld sowie die Erweiterung der Kapazitäten des Bahnhofs Hamburg-Harburg. Eine Betriebsaufnahme ist daher frühestens ab Mitte der 2030er-Jahre denkbar.
Lenkungskreis im aktuellen Reaktivierungsprogramm
Die Reaktivierungsuntersuchung wird von einem Lenkungskreis unter der Leitung des Niedersächsischen Ministers für Wirtschaft, Verkehr und Bauen begleitet, in dem alle im Landtag vertretenen Parteien, die niedersächsischen SPNV-Aufgabenträger, die niedersächsischen kommunalen Spitzenverbände, sowie Verkehrs-, Sozial- und Umweltverbände vertreten sind.
Für weiterführende Informationen beachten Sie bitte auch die Projekt-Webseite des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Bauen.
Erster Lenkungskreis am 11.04.2023
Start der Untersuchung und Aufruf von Wirtschaftsminister Lies (Beginn Stufe 1)
Im ersten Lenkungskreis wurde das Untersuchungsdesign der Reaktivierungsuntersuchung vorgestellt. Im Anschluss an den Lenkungskreis erfolgte ein Aufruf von Wirtschaftsminister Olaf Lies an die niedersächsischen Kommunen, SPNV-Aufgabenträger und den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, Vorschläge für Reaktivierungskandidaten zu nennen.
Zweiter Lenkungskreis am 05.06.2023
Übersicht über Reaktivierungskandidaten der Stufe 1 und Beschleunigung einzelner Reaktivierungsstrecken
In der zweiten Sitzung des Lenkungskreises wurden die 54 Strecken vorstellt, die in der ersten Stufe untersucht werden. Weiterhin waren sich die Teilnehmenden einig, dass einige Strecken beschleunigt reaktiviert werden sollen, darunter auf dem Gebiet der LNVG u. a. die Strecken Lüneburg – Soltau sowie Bremervörde – Stade.
Dritter Lenkungskreis am 19.10.2023
Vorstellung des vorläufigen Ergebnisses der Stufe 1: Auswahl der Strecken, die in Stufe 2 aufrücken
In der dritten Sitzung des Lenkungskreises wurde die Bewertung der Strecken vorgestellt. Die Teilnehmenden des Lenkungskreises waren sich einig, dass die Reaktivierungskandidaten, die noch nicht in Stufe 2 aufgerückt sich, einer Nachbetrachtung mit den Kommunen unterzogen werden sollen.
Vierter Lenkungskreis am 27.02.2024
Ergänzung Stufe 1: Nachbetrachtung der Strecken, die zunächst noch nicht in Stufe 2 aufgerückt sind
Seit Januar 2024 wurden gemeinsam mit den Kommunen die Strecken nachbetrachtet, die noch in Stufe 1 verblieben sind. Das Ergebnis dieser Nachbetrachtung wurde im vierten Lenkungskreis vorgestellt. Sechs zusätzliche Strecken wurden daraufhin in die zweite Untersuchungsstufe aufgenommen.
Fünfter Lenkungskreis am 12.08.2024
Vorstellung des Bewertungsschemas für die Nutzwertanalyse in Stufe 2
Im fünften Lenkungskreis wurden die Bewertungskriterien für die anstehende Nutzwertanalyse in Stufe 2 vorgestellt. Die einzelnen Kriterien wurden vorab in einem Workshop mit den Lenkungskreisteilnehmenden erarbeitet, diskutiert und festgelegt.
Sechster Lenkungskreis am 20.03.2025
Vorstellung der Ergebnisse der Nutzwertanalyse der Strecken in Stufe 2
Im Rahmen des sechsten Lenkungskreises wurden die Ergebnisse von Stufe 2 vorgestellt. Dabei wurde zunächst das allgemeine Vorgehen erläutert. Darüber hinaus wurden die Betrachtungen zu den einzelnen Strecken ausführlich dargestellt. Als Endergebnis des sechsten Lenkungskreises wurden sechs SPNV-Reaktivierungsstrecken ausgewählt, die voraussichtlich förderfähig sind. Darüber hinaus wurde über den aktuellen Stand der bereits weit fortgeschrittenen SPNV-Reaktivierungsvorhaben informiert.
Siebter Lenkungskreis am 25.08.2025
Weiteres Vorgehen bei den sechs Reaktivierungsstrecken mit NKI > 1 (Ausblick auf Stufe 3 und 4)
Im siebten Lenkungskreis wurden die Lenkungskreismitglieder über das weitere Vorgehen bei den sechs SPNV-Reaktivierungsstrecken informiert, die in der Nutzwertanalyse alle einen NKI von größer als 1 erreicht haben. Des Weiteren wurden die Ergebnisse zur wissenschaftlichen Begleitung des Lenkungskreises vorgestellt.
Rückblick auf bisherige Programme für Streckenreaktivierungen
Im Rahmen eines ersten Reaktivierungsprogramms bildete die Reaktivierung der Strecke „Haller Willem“ von Bielefeld nach Osnabrück im Jahr 2006 den Startpunkt.
Ab 2013 erfolgte eine zweite, groß angelegte vergleichende Untersuchung mit dem Ziel, jene Strecken in Niedersachsen zu identifizieren, welche für eine Reaktivierung unter wirtschaftlichen und verkehrlichen Gesichtspunkten geeignet sind.
Die Untersuchung war dreistufig angelegt und erfolgte ebenfalls unter Begleitung eines Lenkungskreises, in dem u. a. die Verkehrswirtschaft sowie Verkehrs- und Umweltverbände vertreten waren. In der dritten und abschließenden Untersuchungsstufe wurden acht von ursprünglich 74 vorgeschlagenen Strecken mittels eines standardisierten, allgemein anerkannten Verfahrens durch externe Gutachter bewertet.
Von den drei Strecken auf dem Gebiet der LNVG, deren Nutzen-Kosten-Verhältnis aus gesamtwirtschaftlicher Sicht positiv ausfiel, wurden die Strecken
- Einbeck-Salzderhelden – Einbeck Mitte (RB 86, ab 2017) sowie
- Bad Bentheim – Nordhorn – Neuenhaus (RB 56, ab 2019)
in Betrieb genommen.
Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen wurden weitere Teilräume und Mittelzentren wie Einbeck und Nordhorn an den SPNV angebunden und somit das Mobilitätsangebot in Niedersachsen nachhaltig ausgebaut.
Das aktuelle Reaktivierungsprogramm des Landes Niedersachsen läuft seit 2023 und ist bereits die dritte große Untersuchung zur Wiederinbetriebnahme von SPNV-Strecken in Niedersachsen seit den ersten Reaktivierungsbestrebungen im Jahr 2006.
Stand: 12/2025